Allgemein, Bolivien

Bolivien – Wiedersehen in schwindelerregenden Höhen

8. November 2016

Besuch aus der Heimat

Endlich ist es soweit…gegen 11 Uhr biege ich um die Ecke im Stadtteil Sopocachi in La Paz und da steht sie schon…mein Besuch aus Deutschland…nach 7 Monaten…Antje ist endlich da!

Wir fallen uns in die Arme und umarmen uns gefühlt eine Ewigkeit. Ein Stück zu Hause ist nun endlich in der Ferne bei mir und beim ersten gemeinsamen Frühstück bekomme ich ein ausgiebiges Update aus Berlin und Deutschland!

Mit der Teleferico gen Himmel

Wie es sich gehört wenn Engel reisen strahlt die Sonne über La Paz und wir brechen zu einem kleinen Stadtrundgang auf. Leider ist ausgerechnet heute Feiertag…und die Stadt ist wie ausgestorben. Ich mag keine Feiertage in Südamerika. 🙁

Gegen Abend setzen wir uns in die berühmte Teleferico, die Seilbahn, die Ihre Passagiere vom reichen Talboden La Paz’s in den armseligen „Höllenvorort“ El Alto bringt. Der Ausblick von dort oben ist überwältigend – eine Megastadt gebaut in den unglaublichen Höhen von 3.000-4.000m. Tief im Tal dominieren Wolkenkratzer und entlang der Hänge reihen sich die Wohnhäuser und je höher man kommt, um so ärmer und einfacher werden die Gebäude. Schon hier wird sichtbar, dass viel gebaut, allerdings wenig fertiggestellt wird.

Bolivien kulinarisch – Churrasco und Pisco Sour

An unserem ersten Abend möchte ich mit Antje lecker bolivianisches Churrasco essen – Fleisch satt und Pisco Sour. Aber als wir in meinem Lieblingsrestaurant ankommen ist es dunkel…wie auch mehr oder weniger alle anderen Restaurants in La Paz. Doofer Feiertag!

Nachdem wir noch eine Weile gesucht haben und uns überall nur dunkle Fenster und verschlossene Türen begegnet sind entschließen wir uns in einem Kebab Imbiss einzukehren. Einfach und lecker! Auch die Bar, in der wir wenigstens unseren Begrüßungs Pisco Sour einnehmen wollen ist verschlossen. Habe ich schon erwähnt dass ich südamerikanische Feiertage doof finde?!

La Paz – eine Stadt versinkt im Chas

Am nächsten Tag kehrt das alltägliche Leben wieder in die Großstadt ein und wir setzen unseren Stadtrundgang fort. Leider hält La Paz nicht das was es versprochen hat. Bis auf ein paar Ausnahmen fehlt es an den für südamerikanische Städte so typischen spanischen Kolonialbauten, es gibt so gut wie keine Grünflächen und es herrscht das pure Chaos auf den Straßen.

Highlights: Cordilleren und Chollitas

Highlights sind immer wieder die Ausblicke auf die majestätischen, schneebedeckten Cordilleren und die Chollitas – die Frauen in den traditionellen bolivianischen Trachten. Die langen, dicken, schwarzen Haar zu zwei Zöpfen geflochten, auf dem Rücken zusammengebunden, den sogenannten typischen Bowlerhut auf dem Kopf. Um den eh meistens schon voluminösen Körper noch zusätzlich mehrere Schichten locker fallender Röcke und auf dem Rücken ein geknotetes buntes Tuch, in dem entweder ein Kleinkind, Gepäck oder Handelsware transportiert werden. Ich könnte den Frauen den ganzen Tag zusehen und es fällt mir sehr schwer nicht ständig die Kamera zu zücken. Aber fotografiert zu werden ist nicht des Bolivianers Wunsch. Und so begnüge ich mich mit ein paar wenigen, aus der Ferne (und ja ich gebs zu, heimlich) aufgenommenen Schnappschüssen.

Heut Abend gibt es dann auch endlich Fleisch satt – kugelrund und guter Dinge machen wir uns auf den Heimweg. Denn morgen beginnt unsere gemeinsame, leider doch recht kurze, Reisezeit mit dem ersten Ziel Copacabana & der Isla del Sol.

An die Copacbana

Die 4-stündige Busfahrt von La Paz nach Copacabana ist leider sehr, sehr ernüchternd. Kurz nach La Paz zeigt sich das ganze Elend dieses Landes – fast 50% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze und die Unfähigkeit der Regierung wird in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar. Wir rumpeln durch Geistervororte – die Straßen sind nicht fertig, der Bus bahnt sich seinen Weg wo er gerade durchkommt.

Eine städtebauliche Infrastruktur (die Bauaufsichtsbehörde lässt grüßen) ist nicht erkennbar – wo ist der zentrale Marktplatz, die Schule, Kindergärten, … eine einzelne Kirche ist von weitem, wie ein kleiner Hoffnungsschimmer in der ocker- und ziegelsteinroten Gebäudewüste, auszumachen. Und immer wieder springen mir die mannshohen Puppen ins Auge, die an den Strommasten aufgeknüpft sind.

Reisen öffnet die Augen

Sie sind ein Zeichen, dass in diesem Viertel das traditionelle alte Recht der Indigenen noch vor dem nationalen Recht gilt, sprich also Lynchjustiz. Diese Busfahrt tut mir im Herzen weh, denn es zeigt welch langen Weg Bolivien noch zu gehen hat. Als ich vor ein paar Tagen am Flughafen saß, fiel mir ein Geo Special Magazin von 2010 über Peru und Bolivien in die Hände. Ich hatte Tränen in den Augen von den wunderschönen, berührenden und ergreifenden Geschichten und verliebte mich auf der Stelle in diese beiden Länder. Jetzt bin ich gerade wirklich sprachlos angesichts dieser Trostlosigkeit.

Blaue Hoffnung – Titicacasee

Dann blitzt es am Horizont tiefblau auf…die ersten Ausläufer des Titicacasee, des höchstgelegenen (kommerziell nutz- und befahrbaren) Sees auf unserem Planeten, werden sichtbar. Dann halten wir, da wir den See überqueren müssen. Während wir mit einem kleinen Motorboot übersetzen, quält sich der große Reisebus auf ein recht schmales, Holzfloß…ein PKW hat auch noch Platz und dann wird übergesetzt.

Antje und ich kommen uns vor wie am Meer. Der See ist sooooooo groß. Kurz hinter der Kathedrale von Copacabana ist unsere Unterkunft. Wir haben das Turmzimmer mit 360° Ausblick :-). Den Rest des Tages verbringen wir damit unsere Überfahrt auf die Isla del Sol und nach Peru zu buchen und ausgiebig in einem Café mit Seeblick zu genießen. Sobald die Sonne untergeht wird es allerdings so kalt, dass wir nach einem super leckeren Abendessen, natürlich wie es sich gehört mit Forelle, bibbernd und zähneklappernd zurück ins Hostal gehen.

Leben auf der Isla del Sol

Ziemlich früh geht es am nächsten mit einem kleinen Boot auf die Geburtsinsel der Sonne – die Isla del Sol. Wir haben so viel Glück mit dem Wetter, ich mag es gar nicht beschreien. Ein paar Zuckerwattewölkchen am strahlend blauen Himmel, die Sonne ist stark genug, um uns am Tag ordentlich ins Schwitzen zu bringen, lediglich der Wind ist recht kühl und lässt uns immer wieder erschauern.

Die Überfahrt dauert gut 2 Stunden – und geht entlang an recht kargen, aber beeindruckenden Landschaften. Wir betreten die Insel auf der Nordhälfte und durch Zufall steht auch jemand von unserem Hostal am Anlegesteg der uns durch die sandigen Wege zu unserem Hostal direkt am Meer, ach Quatsch, am Ufer des Sees bringt. Ui, so schön wie die Natur, der See und die Insel auch sind…so ist es den Insulanern leider überhaupt nicht gelungen ein harmonisches und stimmiges/ traditionelles/ kulturelles Leben oder Bild, vielleicht auch nur für unsere touristisch geprägten Augen, zu erschaffen.

Wieder reihen sich im organisierten Chaos die rohen und halbfertigen Ziegelsteinbauten aneinander. Die wenigen Restaurants sind lieblos eingerichtet, wirken kalt und wenig einladend und wenn wir uns dann doch in eines reintrauen, ist es für uns beide eine ziemliche Geduldsherausforderung – der heranschlurfende, wortkarge und mürrisch dreinblickende Insulaner vermittelt nicht gerade ein sonniges Gefühl von Gastfreundschaft.

Dennoch ist es eine Freude dem Leben und Treiben auf der Insel zuzuschauen. Gerade wird eine Versammlung der Einwohner abgehalten, in der es darum geht wie z.B. mit dem Müll auf der Insel umgegangen werden soll und andere lokal relevante Themen. In der Mitte des Basketball-/ Fussballfeldes sitzen die, vermutlich, Inselältesten oder Inselvorsteher und auf den Rängen haben rechts die Männer Platz genommen, von denen ab und zu mal Einer das Wort ergreift, und linksseitig sitzen die Frauen, die während der ganzen Veranstaltung Armbänder knüpfen, ihre Kinder stillen, Wolle bearbeiten oder ein kleines Schwätzchen nebenbei halten. Es ist ein herrliches, urtypisches und idyllisches Bild.

Am Strand tollen Schweine und Schafe anstatt Hunde und wir beobachten mehrmals wie Frauen sich mit großen Eimern Wasser aus dem See holen. Wasserhahn aufdrehen und Wasser aus der Leitung ist keine Normalität auf der Insel. In den Unterkünften gibt es dieses aber, und sogar sehr heiß.

Wanderungen auf der Isla del Sol

Auf der Insel gibt es die für Bolivien ältesten Inkaruinen und so begeben wir uns auf eine kleine Wanderung – bergauf und bergab. Ein gutes, wenn auch vermutlich zu leichtes Training, für unser Machu Picchu Abenteuer.

Die Isla macht ihrem Namen alle Ehre – wir werden von der Sonne geküsst und dürfen berauschende Ausblicke erleben. Am Abend gibt es wieder Forelle, im oben beschriebenen gastfreundlichen Etablissement. Das Essen ist einfach, aber köstlich. Natur macht eben hungrig ;-). Dann ist es wieder so kalt, dass wir schon vor 8 Uhr, dick eingemurmelt, im Bett liegen.

Während draussen der Wind stürmisch an unseren Fenstern rüttelt, belesen wir uns noch etwas zum baldigen Aufstieg des Machu Picchu – wir haben uns gegen eine 4-tägige Wanderung entschieden, wollen aber den steilen und anspruchsvollen Cerro (Berg) Machu Picchu in Angriff nehmen. Was tut man nicht alles für ein unvergessliches Selfie ;-). Der Respekt vor dem Aufstieg ist groß und Stefan Lohse macht uns mit seinem Absatz zu „Wer sollte den Aufstieg nicht machen“ nicht gerade Mut ;-).

Tag zwei auf der Insel beginnt mit einem einfachen Frühstück, aus Mangel an Alternativen wieder in oben beschriebenen Etablissement, danach geht es ab in die Liegestühle und für mich auf einen kurzen Abstecher in den Titicacasee – wenn ich schon mal hier bin! Allerdings ist es doch kälter als gedacht. Nach kurzem Zögern und zurückweichen siegt dann aber mein Abenteuergeist und ich tauche für ein paar Sekunden in das kalte Nass ein. Planschen im Titicacasee – Check!img_7562

Zur peruanischen Grenze sind es von Copacabana keine 10 Minuten – unser Bus fährt gegen 18.30 Uhr los. Nächster Stop: Cusco, Peru!

Fotoalbum Bolivien

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