Allgemein, Bratislava, Europa

Bratislava – Kleine osteuropäische Schwester Berlins

28. Mai 2017

Wochenendausflug von Berlin nach Bratislava

Donnerstag Nachmittag, 14 Uhr, Treffpunkt Flughafen Schönefeld. Nun ist es also soweit – mein erster Flug von Schönefeld aus. Als bekennender TXL-Fan graute es mir ein wenig vor dieser Begegnung. Wieviel Zeit im Voraus ist einzuplanen für Anreise mit der Regionalbahn, die im übrigen nur alle 30 Minuten fährt, Abfertigung und Security Check-in. Und dann noch mit Ryanair…ich stellte mich auf Chaos, Wartezeiten und Nervenzusammenbrüche ein.

Flughafen Schönefeld und Ryanair – für alles gibt es ein erstes Mal

Die erste positive Überraschung ist der Weg von S-Bahn zum Terminal. Es gibt ein extra Check-in Terminal für Handgepäck – Terminal C. Dank ausführlichster Beschilderung war es einfach und schnell zu finden. Anlass zur weiteren Freude; kein Ansturm beim Security Check. Wir waren ziemlich beeindruckt von der zum Einsatz kommenden modernen Technik und der effizienten Organisation.

Nach erfolgreichem Security Check In, wurde es kurz brenzlig, denn hier hörte die Beschilderung schlagartig auf und nur durch unseren, im letzten Jahr hart erarbeiteten, Orientierungssinn und ein bisschen logischem Denken erreichen wir überpünktlich unser Abflugsterminal D.

An dieser Stelle sei mir noch ein kurzes Loblied auf Ryanair gestattet – ich bin dazu geneigt sowohl den Hin-, als auch den Rückflug als perfektes Flugerlebnis zu bezeichnen. Auf Grund einiger kleinerer Ryanair typischer Vorgaben verläuft auch das Boarding super schnell und effizient – so erhält man mit seiner Boardkarten einen hilfreichen Zeitplan als Orientierung wann man wo sein sollte. Ebenfalls werden noch einmal deutlich die Gepäckrichtlinien erläutert und man kann der Boardkarte auch direkt entnehmen, ob vorn oder hinten einzusteigen ist.

Der Hinweis, dass lediglich die ersten 90 Gepäckstücke mit an Board genommen werden dürfen, alles darüber muss (unentgeltlich) im Gepäckraum des Flugzeuges verschwinden, sorgt dafür, dass zur Boardingzeit auch wirklich alle brav in einer Reihe stehen und fertig sind. Als dann noch das Flugzeug pünktlich startete, der Sitzkomfort solide war  und wir überpünktlich landeten war das schon mal ein gelungener Start in das lange Wochenende :-).

Dobrý deň Bratislava

Auf meinem kleinen Ausflug begleitet mich wieder Betti, denn der eigentliche Anlass für unseren Besuch ist die Spirit-Tour von Depeche Mode, die hier am Samstag gastieren werden. Übrigens das 1. von 3 Depeche Mode Konzerten in diesem Sommer. Fragt nicht, aber irgendwie hat sich das immer so ergeben ;-).

Ankunft Letisko Flughafen

Nur 55 min später landen wir in ländlicher Idylle auf dem Letisko Flughafen in der Slowakei. Nun gut, mit Schönefeld kann ich auch nicht gerade behaupten mitten aus der Metropole heraus gestartet zu sein, aber es würde mich nicht wundern, wenn mich gleich eine dicke Pferdebremse piekst. Alles riecht und erinnert mich an Hochsommer auf dem Land 🙂

Ebenfalls kurz, fast problem- und schmerzlos – die Anreise in die Stadt… wenn wir nicht einmal zu früh ausgestiegen wären – „Müssen wir hier jetzt raus?…Nein….Ja….Nein….Oh doch ja, mist….Halt, Stop, Please open the door….Thank you!“ in letzter Sekunde und dann doch falsch. Da war es wieder: mein unglaublich (nicht vorhandenes) Sprachengefühl – aber die slawischen Sprachen sind nochmal extra verwirrend.

Dennoch erreichten wir unser Domizil im Zentrum von Bratislava. Ein süßes und schickes Ein-Zimmer-Appartement und Peter erwarteten uns bereits. Nach einer kurzen Blitzeinweisung und ein paar Tipps wo wir gut slowakisch Essen gehen könnten machten wir uns auch schon auf den Weg Richtung Innenstadt.

Erinnerungen werden wach

Als Ostdeutsche ist es für mich immer ein besonderes Gefühl in ein osteuropäisches Land bzw. einen sozialistisch geprägten Ort zu fahren. Obwohl ich nur 10 Jahre in der DDR gelebt habe, kommen all die Erinnerungen und Gefühle wieder hoch und ich fühle meine gelebte Geschichte wieder hautnah.

Ich mag die Nostalgie! Der MischMasch der schmuck-(freud)losen sozialistischen, praktisch orientierten Wohnblocks mit den aristokratisch und erhaben anmutenden, verschnörkelnden Stadtvillen. Die laut ratternden alten Straßenbahnen mit dem metallischen Klicken wenn man seinen Fahrschein noch manuell entwertet, denen kurz darauf eine (im direkten Vergleich) fast geräuschlose moderne Tram folgt, die ein nerviges, elektronischen Piepsgeräusch auswirft beim Entwerten der Fahrscheine.

Die Kraft protzenden stalinistischen Sowjet- und Kriegsdenkmäler, die verzweifelt an eine längst vergangene und im Zeitstrahl der Geschichte nur einen kurzen Moment andauernde, glorreiche Zeit erinnern sollen vs. die prunkvollen und jahrhundertelange monarchische Dynastien überdauerten Paläste und Parkanlagen, die Politik, Natur und architektonischen Launen die Stirn boten und heute umso mehr die Besucher beeindrucken.

Bratislava ist die Hauptstadt eines super jungen Landes, hervorgegangen am 1. Januar 1993 (!) aus der damaligen Tschechoslowakei, die ebenfalls erst 1918, nach dem Niedergang der Habsburger Dynastie, gegründet wurde. Seit 2004 ist die Slowakei Mitglied der EU.

Slowakei kulinarisch – Bryndzové halušk

Aber wir waren ja gerade auf dem Weg Richtung Innenstadt, um etwas zu Essen zu finden. Bratislava empfängt uns mit Königswetter – die Sonne lacht, der Himmel ist blau, jetzt, zu fortgeschrittener Tageszeit, weht eine leichte Brise, aber es ist immer noch warm genug, um ohne Jacke loszuziehen und sich ein Plätzchen im Freien zu suchen. Wie habe ich DAS vermisst in den letzten Wochen. Endlich wieder ein Gefühl von SOMMER – das ist Lebensqualität und -freude pur!

Während Bettina sich zum slowakischen Schnitzel ein Bier bestellt, lasse ich mich vom Dolce Vita einlullen und bestelle Aperol Spritz und ein lecker duftendes Bryndzové halušk, Brimsennocken, das Nationalgericht der Slowakei. Schiele ich anfangs etwas neidisch auf Bettis gut gefüllten Schnitzel-Teller, verliere ich mich kurze Zeit später auf meinem Eigenen – Nockis in einer herrlich duftenden und schmeckenden Ziegenkäsesauce, bestreut mit reichlich, kräftig angebratenem Speck – Hmmmmmmmm! Danach rollen wir nach Hause und sind schon kurze Zeit später im Land der slowakischen Träume.

What to see in Bratislava

Heute ist Sightseeing mit gaaaaaaanz vielen Kaffeepausen. Wir haben für die doch recht kleine und überschaubare Hauptstadt, knapp 450.000 Einwohner, gute 3 Tage Zeit. Viele Touristen verbringen gerade mal 24h hier. Von Wien ist es nur ein Katzensprung mit dem Bus und so wird ein Trip nach Wien gerne mal um einen Tagesausflug nach Bratislava erweitert. Wir sind überrascht von der großen Anzahl an Touristen, die hier am Vormittag durch die Gassen laufen. Viel Asiaten sind dabei und was auch auffällig, allerdings weniger verwunderlich ist, die im Vergleich zu anderen Ländern überproportional vielen Gruppen junger Männer – vermutlich Junggesellenabschiede – billig reisen, billig feiern, billig … !

Bratislava zu Fuß erkunden

Aber heute und jetzt gehören wir auch zum Volk der gemeinen Touristen, die sich der Bratislava Free Walking Tour anschließen. Unter den gut 20 Teilnehmern in unserer Gruppe, sind wir die einzigen Deutschen. Es gibt Kolumbianer, Engländer, Amerikaner und eine Familie aus Indien ist ebenfalls dabei.

Eine schöne bunte Truppe, die sich in den nächsten 2,5h durch Bratislava treiben lässt. Wir bekommen einen wunderschönen Eindruck von der Stadt. Ich kann gar nicht oft genug davon schwärmen: die herrliche alte, barocke Architektur, die kleinen, verlassenen Gassen direkt hinter der Stadtmauer, wo kein Mensch ist, die lustigen Statuen, die in der ganzen Altstadt verteilt sind, um die Menschen zum Lachen zu bringen. Cumin, der lustige Gesell, der aus dem Gully heraus den Damen unter den Rock lugt oder der frz. Soldat, der da so keck auf der Bank lehnt und den jungen Damen über die Schulter schaut.

Und dann stehen wir plötzlich an einem Ort, wo einst das jüdische Viertel und die Synagoge war. Nicht nur die Historie hat zu dessen Niedergang beigetragen. Das komplette Viertel musste der Stadtautobahn weichen und jetzt erinnern nur noch zwei bewegende Denkmäler an diesen Ort.

Weitere Plätze und Sehenswürdigkeiten auf der Tour sind u.a.: Hviezdoslavovo Námestie, National Theatre, Most SNP (UFO Bridge), Site of the Bratislava Synagogue, Jewish WWII Memorial, St. Martin’s Cathedral, Old Town Hall, St. Michael’s Gate, Blue Church, u.v.m. Ewa, unsere Stadtführerin, ist wunderbar. Sehr klar in ihren Ausführungen und es macht Spaß ihr zuzuhören. Also absolut zu empfehlen.

Weiße Burg und ein Sundowner

Habe ich schon von dem traumhaften Wetter geschwärmt? 😉 Nach der Walking Tour gibt es eine ausgiebige Kaffee und Kuchen Pause, bevor wir dann wieder frisch gestärkt zur weißen Burg laufen. Ein schöner Ausblick auf die Stadt und den Fluß und ein sehr gepflegt angeordneter Schloßgarten erwarten den Besucher.

Da wir heute Abend noch „Großes“ vorhaben, beschließen wir bereits am Nachmittag uns auf den Heimweg zu machen, jedoch nicht ohne einen Sundowner in der Altstadt. In Sachen hippe Cafés und Restaurants muss sich Bratislava überhaupt nicht verstecken. Zusätzlich gibt es die herrlich verkitschten und traditionellen Kaffeehäuser, die mit zahlreichen Gebäckvarianten (Vorsicht gaaaaaaaanz viel Sahne) und Torten (z.B. Palatschinkentorte) zum genüßlichen Verweilen einladen.

Wenn es Nacht wird in Bratislava

Wir ruhen uns ein wenig aus, denn heut Abend wollen wir nach dem Essen zumindest noch auf einen Cocktail irgendwo einkehren, evtl. sogar ein wenig schwofen….schau’n wir mal. Auf Peters Empfehlung hin landen wir zum Abendessen im Soho – nicht zu verwechseln mit dem britischen Stadtteil oder dem gleichnamigen Etablissement – aber mindestens genauso cool und stylisch ;-). Serviert wird asiatische Küche und wer mag kann noch einen Cookie als Dessert wählen. Wir sind mit dem Hauptgericht zufrieden und bleiben beim Getränk den frisch gemachten Limonaden treu – das ist anscheinend der heisse Scheiß in Sachen Gastronomie. Jeder wirbt mit den homemade lemonades, so dass man schon fast auf den Gedanken kommen könnte, dass die sicherlich homemade sind, aber bestimmt in einem gaaaanz großen Home mit gaaaaanz vielen Flaschen, Zutaten und Fließbändern :).

Natürlich sind wir viel zu früh dran, um mit dem Partyvölkchen mithalten zu können. Also wird aus unserem „großen“ Abend ein mittelgroßer. Mit einem Glas Wein vor der Nase sitzen wir an der Promenade und beobachten das bunte und rege Treiben.

Tschüß Sonnenschein – Hallo Wind und Wolken – Shopping in Bratislava

Brrrr – ist das kalt. Es hat sich merklich abgekühlt. Um gute 10 Grad ist das Thermometer über Nacht gefallen und es windet. Dicke Wolken sind am Himmel und für heut Abend, unseren Open-Air-Konzert Abend, ist Regen vorhergesagt. Trübe Aussichten – und da ich in weiser Voraussicht den Wetterbericht schön ignoriert habe und entsprechend keine warmen Sachen dabei hatte, war das natürlich ein willkommener Anlass, um Bratislavas Shoppingmöglichkeiten auszutesten.

Shopping läuft für mich immer unter dem Motto „Fluch und Segen Globalisierung“ – findet man in den großen Einkaufszentren und Shoppingmeilen ja doch fast immer nur die üblichen Verdächtigen, ist man in „Notsituationen“ wie dieser, froh, dass man zielgerichtet in ein bekanntes Geschäft gehen kann und direkt das bekommt, was man/frau gerade benötigt. Auch hier in Bratislava ist es überhaupt kein Problem H&M, Zara & Co. zu finden – schwierig wird es dagegen mit kleinen unabhängigen Shops und Labels.

Ich habe keine entdeckt, war aber vielleicht auch nicht in den richtigen Straßen unterwegs. Ich brauchte jedenfalls dringend einen Pulli gegen den eklig kalten Wind der mittlerweile durch die Straßen pustete. Wir waren froh, dass wir das komplette Sightseeing-Programm bereits am Vortag erledigt hatten, denn heute ist es viel zu ungemütlich, um länger als nötig draussen zu bleiben. Also ziehen wir uns zurück in unser gemütliches Appartement und bereiten uns auf das Highlight des Abends vor – das Depeche Mode Konzert.

Live in Concert – Depeche Mode

Langsam wurde Betti auch immer hibbeliger und nervöser. Die Setlist kannte sie inzwischen auswendig und jetzt mussten wir nur noch rausfinden, wann wir vor Ort sein müssen.

Auch hier war die Anfahrt super einfach und schnell – und den Massen hinterherlaufend kamen wir im Štadión Pasienky an. Nun gut, man sollte sich kein Olympiastadion oder Wembley vorstellen. Aber DAS Stadion unterbot sogar meine Vorstellungen von einem hauptstädtischen Fußballstadion – die Alte Försterei ist dagegen Premier League. Es gab keinerlei Schutz vor Wind und Wetter, Dixiklos und ein (!) Ein- und gleichzeitig Ausgang für den Innenbereich. Nun gut, dafür hat das Ticket auch nur 48€ gekostet.

Über uns zog sich das Wetter immer mehr zu und bedrohlich näherten sich die dunklen Wolken. Der Wind pfiff uns um die Ohren und pünktlich zum Beginn des Konzertes fielen die ersten Tropfen. Mit meinem pinken Telekom-Hauch von Nix-Regenschutz versuchte ich mich einfach so wenig wie möglich zu bewegen, damit der Regen, der mittlerweile wie aus Eimern auf uns herabprasselte mir nicht in alle zugänglichen Körperstellen eindrang. Füße und ab Knie abwärts war bereits nach 10 Minuten egal…aber der Oberkörper war noch trocken. Entsprechend war der Konzertgenuß etwas getrübt….aber es kommen ja noch 2 Konzerte.

Trotz des Regens war die Band gut drauf, leider das Publikum nicht so wie wir es uns erwartet hatten, dennoch gab es volle 2,5h geballte Depeche Mode Power mit vielen alten Songs und am Ende des Abends eine beseelte Betti, die mit strahlenden Augen und einem glückseligen Lächeln in das warme Bettchen viel.

Die letzten Stunden – Bratislava von oben

Der letzte Morgen begann mit viel Sonne und so machten wir uns frohen Mutes auf den Weg, die letzten Stunden noch ein wenig durch die Straßen Bratislavas zu strolchen und bei einem zünftigen slowakischen Mittagsmahl unseren kleinen Ausflug zu beenden. Keine 3 Minuten auf der Straße kehrten wir schnell wieder um, da wir von der Sonne geblendet viel zu dünn angezogen waren. Also Pulli und Schal geschnappt und neuer Versuch.

Während wir so durch die Straßen schlenderten, tauchte erhöht plötzlich das riesige sowjetische Denkmal Slavin vor uns auf. Es war noch genug Zeit, also nahm ich den (kurzen und moderaten) Aufstieg in Angriff und kam noch einmal in den visuellen Bratislava-von-oben-Genuss.

Bratislava – es war ein toller Ausflug und du bist eine ganz bezaubernde Stadt, die mich viel an meine Stadt Berlin und unsere (gemeinsame) Geschichte erinnert hat.

 

 

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