Allgemein, Asien, Philippinen

Melancholie im Paradies

12. Juli 2016

Was war denn nur los? Aber wie das Leben so ist, kann ja nicht immer nur Sonnenschein sein…im wahrsten Sinne des Wortes. Nun war ich also im Paradies angekommen und es fühlte sich für mich überhaupt nicht danach an. Nach über 3 Monaten reisen hatte mich also nun mein erster Reiseblues vollkommen unerwartet überrascht. Ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz!  Woran das lag? Es kamen viele Gründe zusammen.

  1. Das unerfreuliche Erlebnis in Manila
    Der Überfall auf offener Straße, der zum Glück glimpflich ausging, hat mir schon etwas die Unbeschwertheit und das Vertrauen genommen.
  2. Große Erwartungen
    Ich bin ja ein Meister in großen Erwartungen. Die Philippinen sind für mich ein Synonym für das Paradies. Weiße, unendlich lange Strände, kristallklares Wasser – das süsse Nichtstun in vollen Zügen genießen. Ja, diese Traumstände suche ich bis heute. Bisher war es so. Ich komme an einem Ort, auf einer Insel an…der erste Weg geht dann direkt zum Strand und dort ist die Enttäuschung dann groß. Die Strände sind meistens sehr klein und kurz. Bei Flut gibt es eigentlich keine Strände, da das Wasser viel zu nah kommt. Und bei Ebbe ist der Strand überlagert mit Algen und Müll. Oder es gibt nur Steine und Muscheln, auf denen ein gemütliches Faulenzen nicht möglich ist. Da piekst es nur und ich winde mich von einer Seite auf die Andere, in der Hoffnung eine keine Mulde für ein entspanntes Sonnenbaden zu finden. Oder die Enttäuschung wenn man auf einer Insel ne knappe Stunde auf dem Roller rumdüst, zu DEM Strand und dort ankommt und alles ist zubetoniert und man erkennt deutlich, dass die gute alte Zeit schon ein paar Jahrzehnte zurückliegt.
  3. Es ist nun mal einfach Regenzeit
    Nun gut, das war mir bewusst. Dennoch reist ja immer die Hoffnung mit, dass wenn ich an einem Ort bin, da dann die Sonne scheint. Ja, Pustekuchen…die Sonne scheint halt nicht so, wie ich es gern hätte. Und nach über 3 Wochen Regen ist auch meine Geduld erschöpft.
  4. Irgendwann ist das Neue auch mal zu viel
    Immer wieder an einem Ort neu anzufangen ist auf Dauer ganz schön anstrengend. Nicht zu wissen wie komme ich zu meiner Unterkunft. Feilschen, um den völlig überzogenen Transportpreis zu Unterkunft wenigstens etwas zu drücken, um dann festzustellen, dass man immer noch viel zu viel bezahlt hat, geht gehörig auf die Nerven. Ankommen in dem laut booking.com Referenzen „besten Hostel/ Guesthouse“ auf den gesamten Philippinen und dann zu merken, dass Meinungen sehr subjektiv sind.
  5. Kein Plan zu haben
    Ich wollte es mal ausprobieren – aber so gar keinen Plan zu haben funktioniert für mich einfach nicht. Gerade wenn es heißt, wähle aus über 7.000 Inseln die besten für Dich aus…war und bin ich heillos überfordert. Mittlerweile habe ich 3x meine Route geändert, nur um jetzt schnellstmöglich zum „schönsten Strand der Welt“ zu kommen. Hätte vielleicht nicht geschadet damit anzufangen 😉
  6. Zu viel Einsamkeit
    Obwohl ich mich ja immer freue, wenn ich mal meine eigenen 4 Wände habe, kann das auch sehr kontraproduktiv sein. Wenn man/ ich schon selber keinen Plan habe, sollte ich die Gesellschaft anderer Backpacker suchen, um von deren Erfahrungen und Erlebnissen zu profitieren. Und für so ein Stimmungstief ist Einsamkeit auch nur für einen kurzen Zeitraum zu empfehlen. Ich hatte nun aber das Glück im Unglück, gleich an zwei Orten ein komplettes Mehrbettzimmer nur für mich zu haben.

Und so fand ich mich dann an einem Nachmittag in Dumaguete wieder, wollte mir nur noch die Decke über den Kopf ziehen, niemanden sehen und hören und mir selbst gehörig leid tun. Keine Lust aus dem Haus zu gehen, keine Lust das nächste schlechte Essen zu suchen und vor allem keine Lust aufs Weiterreisen 🙁 In der Unterkunft und in dem Ort zu bleiben, war aber auch keine reizvolle Vorstellung.

Eine Alternative hätte sein können, die Philippinen Philippinen sein zu lassen und das Land zu wechseln. Ich sträubte mich aber gegen diese Idee…aufgeben gilt nicht. Schwere Zeiten sind dazu da, dass sie durchgestanden werden und ich wollte und will dem Land und mir noch die Chance geben dessen Schönheit zu entdecken.

Für Euch, meine lieben Leser, mag das nach ziemlichen Luxusproblemen klingen – und ja, das sind sie auch. Aber meine kleine Welt war davon in den letzten Tagen ziemlich durcheinander geraten. Aber genug mit dem rumjammern. Es gab auch schöne Momente:

  • Andy & Vicky, die Besitzer von Lennons Place am Alona Beach
    Von Backpackern für Backpacker ist Lennons Place ein basic Unterkunft ohne viel Schnick Schnack, dafür mit ganz viel Herz. Er, ein in die Jahre gekommener Brite, der selber viele, viele Jahre als Backpacker unterwegs war und Vicky, eine hübsche Filipina. Erster Gedanke natürlich – oh je, Klischee, alter Mann, junge Frau. Aber die beiden sind schon seit vielen Jahren zusammen, ob verheiratet oder nicht, keine Ahnung. Sie haben Lennons Place und das Internetpasswort „Marley99“ nach ihrem, im letzten Jahr verstorbenen, Sohn benannt. Schon das allein, macht den Ort besonders. Die Herzlichkeit und Offenheit der Beiden ist ein zusätzliches Goodie, was mir die Tage sehr gut tat, und das einfache aber köstliche Abendessen nicht zu vergessen, welches Vicky für uns zubereitet hat – hier bin ich dann auch bisher am längsten geblieben und wollte auch gar nicht mehr so richtig weiter.
  • Rumfahren auf dem Scooter
    Nicht auszudenken was wäre, wenn ich meine Bedenken gegen das Scooterfahren nicht über den Haufen geworfen hätte. Ohne Motorbike und selbst fahren ist man hier total aufgeschmissen. Und so mietete ich mir an jedem Ort, wo es möglich war, so ein Ding und bin morgens los, über die Inseln gedüst und konnte mir für ein paar Stunden den Kopf gehörig durchpusten lassen.
  • Ein Ausblick und ne Hängematte
    Nach meiner fast schon überstürzten Flucht aus Dumaguete auf die Insel Siguijor habe ich dann die einzige Hängematte okkupiert, die es in JJ’s Backpacker Village gab – und sie für den Rest des Tages nicht mehr freigemacht. Den Blick über das weite Meer streifen lassen, ein gutes Buch in der Hand und sprichwörtlich die Seele baumeln lassen – genau das habe ich gebraucht.
  • Liebe Worte und Gesten aus nah und fern
    Nicht nur die aufmunternden Worte und Nachrichten aus der fernen Heimat und Kolumbien, auch das Lächeln der Einheimischen waren Balsam für meine Seele.

Mir ist in den letzten Tagen eine schöne Metapher zu meiner letzte Woche eingefallen. Ich fühlte mich wie in einem Schneckenhaus. Verkroch mich immer tiefer und wenn ich mich dann doch mal langsam nach oben gewagt habe, meine Fühler ganz vorsichtig ausgestreckt habe, zack, berührte etwas mit solcher Wucht diese sensiblen Fühler, so dass ich mich in Windeseile wieder in mein sicheres Schneckenhaus zurückzog. Puh, das war ganz schön anstrengend, da wieder herauszukommen. Und ich bin mir bis heute noch nicht sicher, ob das Tief komplett überwunden ist. Vorsichtig starte ich in jeden neuen Tag. Aber ich bin sehr guter Hoffnung (*Mango Split löffelnd*) und die letzten zwei Tage haben mir das bestätigt. Aber davon berichte ich demnächst.

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3 Kommentare

  • Antworten Verzaubernde Unterwasserwelten – MissBonTour 17. Juli 2016 at 6:13

    […] in deren Backpacker Quartier „Lennons Place“, ein. Von den Beiden habe ich ja schon in meinem letzten Artikel geschwärmt, daher kürze ich das an dieser Stelle ab. Vier Nächte blieb ich, was ziemlich lang […]

  • Antworten Anja 17. Juli 2016 at 9:24

    Liebe Janine, jedes emotionale Tief ist wichtig und muss voll ausgelebt werden. Danach wird das Hoch um so besser. Die Sonne wird wieder scheinen. Ganz besonders für Dich. Ich wünsche Dir weiterhin viele schöne Erlebnisse. LG aus der Heimat, Anja

  • Antworten Bee 17. Juli 2016 at 18:33

    Hey Schneckchen, dieser Blogartikel war völlig an mir vorbei gegangen. Solange Du noch die guten Momente wahr nimmst, ist Hopfen und Malz nicht verloren und das nächste saftige grüne Salatblatt kommt bald, für welches es sich auch wieder lohnt, aus dem Schneckenhaus zu kriechen.

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