Allgemein, Chile

¡Hola Chile! ¿Qué tal?

7. Oktober 2016

Halbzeit – Auf gehts nach Südamerika

Auf zu neuen Ufern…nach 6 Monaten Südostasien ist es nun an der Zeit für einen neuen Kontinent. Nach 20h Flug  von Bali aus, mit 2x umsteigen in Australien und Neu Seeland, und der Überschreitung der Datumsgrenze hat mich Chile mit einem fantastischen Ausblick aus dem Flugzeug überrascht – allerdings auch mit der unguten Vermutung, dass die Zeiten von 35° und kurzen Klamotten erst einmal vorbei sind.

Erste Eindrücke von Santiago de Chile

Einigermaßen ausgeschlafen landete ich gegen Mittag in Santiago de Chile. Zum ersten Mal musste ich ziemlich lange auf meinen Rucksack warten und merkte bereits hier am Flughafen, dass der geplante Besuch der Sprachschule eine sehr gute und notwendige Investition ist, wenn ich in Südamerika überleben will.

Ich spreche und verstehe so gut wie kein Spanisch. Und die Südamerikaner tun sich schwer damit Englisch zu sprechen. Nun ja, die paar Brocken die ich auf spanisch verstand und die die freundliche Flughafenangestellte mir auf Englisch zuwerfen konnte reichten, dass ich noch ein paar Minuten mehr Geduld aufbrachte. Und ich wurde belohnt…nach 30 Minuten rollten noch 4 einsame Gepäckstücke übers Band und eines davon war mein geliebter Rucksack.

Die Fahrt zum Hostel war super schnell und einfach mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht. Das war schon mal ein großer Pluspunkt und auch das Hostel ist sehr großzügig geschnitten und sauber. Direkt neben mir im (Nachbar-)Bett liegt Steve, 57, Engländer und mit dem Motorrad in Südamerika unterwegs. Wie sich herausstellte gingen wir beide auf die selbe Sprachschule und er wurde ziemlich schnell meine Bezugsperson.

Same procedure as every time

Quizfrage: Was mache ich immer als Erstes in einer neuen Stadt? Richtig, eine SIM Karte kaufen. Diesmal mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad…allein und auf Spanisch ;-).

Santiago de Chile – Liebe auf den 2. oder erst 3. Blick?

Meine ersten Schritte durch diese große Stadt waren ernüchternd…Mein vorheriges Insel-Paradies hat mich wohl arg verweichlicht und mich mit einer großen rosaroten Brille in die harte Realität einer Großstadt katapultiert. Mein weichgespülter Blick wurde getrübt von grauen sozi Gebäuden und noch tristeren Gestalten auf den Straßen. Dazu noch die vielen Bettler und verlorenen Seelen auf der Straße – das ist schon ein krasser Kulturschock zu Asien.

Internet auf Rezept?!

Mit beiden Händen umklammerte ich mein Handy und gewöhnte mir schnell wieder an, den altbewährten Stadtplan zur Hand zu nehmen. Sicher ist sicher! Im Handyladen  erfuhr ich, dank Google Übersetzungsprogramm, dass ich hier zwar die SIM Karte bekomme, die Gigabyte für Internet aber in einer Apotheke kaufen müsste….in einer Apotheke. AHA…nun gut, dann also ab in die nächste Apotheke, die es hier wie Sand am Meer gibt, zwei Türen weiter.

Nach 5 Minuten merkte ich, dass man hier eine Nummer ziehen muss, die dann aufgerufen wird…ups, also schnell Nummer gezogen und bloß nicht die richtigen Worte auf Spanisch vergessen. Immer wieder murmelte ich den Satz vor mich hin und bemerkte mit Grauen wie die Apotheke immer voller wurde. Feierabend für die Chilenen und ich würde den ganzen Laden mit meinem Anliegen aufhalten – war ich ja nicht mal wirklich sicher, ob ich den Handyverkäufer richtig verstanden hatte mit der Farmacia.

Aber ich hatte…und es war auch gar nicht so schlimm. Nach wenigen Minuten hatte ich meine Gigabyte gekauft, aufs Handy geladen und war jetzt wieder completo online :-). Dank Jetlag endete dieser Tag nicht allzu spät. Morgen früh hieß es ja um 8 Uhr aufstehen – die Schule ging los.

Zurück auf die Schulbank – Spanisch lernen Versuch 3

Nun hatte ich ja schon den einen oder anderen Versuch unternommen die spanische Sprache zu erlernen – mit mehr oder weniger Erfolg. Der einwöchige Kurs sollte mir helfen, die vorhandenen Sprachkenntnisse wieder hervorzuholen und mir das nötige Selbstbewusstsein für die Reise zu geben. Also hieß es für mich nun von 9.30 -13.00 Uhr die Schulbank drücken, bei Camilla, einer jungen Chilenin.

Neben den Sprachkenntnissen hat sie mir auch noch einiges Interessantes über ihr Land erzählt. Zum Beispiel dass die Frauen in der chilenischen Gesellschaft das starke Geschlecht sind. Oft sind sie es, die die Familie ernähren und zusammenhalten. Und alleinerziehend in Chile zu sein ist überhaupt nichts besonderes und (leider) sehr oft der Fall. Da es allerdings im teuersten Land Südamerikas eigentlich unmöglich ist als alleinerziehende Mutter zu überleben, leben die Chilenen sehr stark den familiären und sozialen Zusammenhalt. Familie, Freunde, Kollegen – wer kann, hilft wo und wie immer es ihm möglich ist.

Alltagsleben und Sightseeing in Santiago de Chile

Nach der Schule bin ich immer los, um ein paar Sachen zu erledigen, z.B. zum Friseur zu gehen, meine Kamera reparieren zu lassen, notwendige Einkäufe zu tätigen und natürlich auch für etwas Sightseeing.

Die beiden Hügel der Stadt Cerro San Sebastian und Cerro Santa Lucia bieten einen wundervollen Aus- und Überblick auf die Stadt und die herrliche Umgebung. Ich habe auch Mega Glück mit dem Wetter. Hier beginnt gerade der Frühling. Viel Sonne, blauer Himmel – tagsüber klettert das Thermometer gern auf bis zu 30 Grad. Geht die Sonne allerdings unter wird es richtig kalt. Auch in den Räumen bin ich ordentlich am frieren – keine Ahnung wie das in den Höhen in Bolivien und Peru werden soll. 🙁

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Cerro San Cristobal

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Cerro Santa Lucia

Tipp: Free Walking Tour

Die schönen Seiten von Santiago de Chile haben sich mir allerdings erst auf einer Sightseeing-Tour eröffnet. Tips4Tour zeigte uns in drei Stunden einige Highlights von Santiago.

Das Künstlerviertel Bellas Artes gehört definitiv dazu, mit der köstlichen Eiscreme-Kette Emporio de Rosa.  Das zeitgenössische Kulturzentrum ist ein architektonisches Schmankerl- es wird von jung und alt rege genutzt.

Santiago kulinarisch – Fleisch ist mein Gemüse

Apropos Schmankerl – kulinarisch ist auch hier in Santiago noch Luft nach oben. Mit Steve teilte ich mir eines Abends Chorillana – kurz und knapp: ein riesiger Haufen Pommes, geröstete Zwiebeln, Fleisch, Fleisch und…Fleisch. Es schmeckt genauso wie es sich anhört – cholesteringefährlich muy rico (spanisch für lecker ).

Einen anderen Abend folgte ich der Empfehlung meiner Spanischlehrerin und versuchte Pastel de Choclo – wieder Fleisch, Zwiebeln, ein hartgekochtes Ei, ein bis zwei Oliven und oben drauf ein dicke Schicht Maispansche – schön im Ofen gegrillt. Leider gar nicht mein Fall, obwohl es sehr gut aussah. Erst nach drei Pisco Sour war ich dann einigermaßen befriedigt.

Von der Demokratie zur Diktatur zur Demokratie – ein langer und blutiger Weg

Ich konnte Santiago de Chile allerdings nicht verlassen ohne dessen Geschichte wenigstens einen kurzen Tribut zu zollen. Augusto Pinochet und Salvador Allende sind Namen die mir aus meiner Kindheit und den abendlichen Nachrichtensendungen bekannt sind – also ging es am letzten Tag noch in die Gedenkstätte Londres 38 und in das Museo de la Memoria y los Derechos Humanos.

Londres 38 ist die Hausnummer eines unscheinbaren, mitten im Stadtzentrum befindlichen, Verhör- und Folterzentrums des Pinochet Regimes. Leider sind alle Informationen momentan nur auf Spanisch verfügbar. Bis heute ist das Schicksal von einigen Desperacidos (ein Begriff, für Menschen, die aufgrund politischer Verfolgung verschwunden sind) nicht geklärt.

Stolpersteine erinnern in Chile an die Vermissten. Auch in Berlin und vielen anderen Orten auf dieser Welt erinnern uns Stoplersteine an die Opfer der jeweiligen Militärdiktaturen.

Das Museum der Erinnerung und Menschenrechte (Museo de la Memoria y los Derechos Humanos) ist absolut empfehlenswert. Schon allein die Architektur ist beeindruckend und hinterlässt eine Gänsehaut. Sehr detailreich und absolut interessant wird die komplette Zeit zwischen dem Sturz der Allende-Regierung bis zum Fall der Pinochet-Diktatur dargestellt – hier braucht man viel Zeit, aber es lohnt sich auf jeden Fall!

Weiter Richtung Norden nach Valparaiso

Nur knapp 2 Stunden von Santiago entfernt liegt Valparaiso, direkt am Meer. Eine ganz großartige Stadt – hier hatte ich wieder dieses wohlige Entdeckergefühl und lief mit einem breiten Grinsen durch die Gassen der Stadt. Nach der langen Zeit auf Bali und der „Alltagswoche“ in Santiago komm ich erst langsam wieder in den Backpacker-Modus.

Aber Valparaiso macht es mir leicht – die Stadt ist komplett hügelig und verwinkelt, was mich immer wieder auch an den Rand meiner konditionellen Möglichkeiten bringt 😉 Hinter jeder Ecke verbirgt sich ein künstlerisches Grafitti – Kleinod. Dazu strahlend blauer Himmel, sommerliche Temperaturen (tagsüber), das azurblaue Meer – hier kann ich es aushalten.

Achtung – Warnung vor Kriminellen, sogar von den Einheimischen

Mit nichts als Sonne im Herzen und meiner Kamera griffbereit in den Händen lief ich unschuldig durch die Viertel der Stadt. Bei der Frau, die mir gestikulierend bedeutete meine Kamera in den Rucksack zu packen, bedankte ich mich mit einem Lächeln und fragte mich, wie soll ich denn mit der Kamera im Rucksack diese ganzen tollen Ecken hier aufnehmen (?!) – und lief unbekümmert weiter.

Kurze Zeit danach, ich richtete gerade meine Kamera auf ein Objekt aus, kam ein älterer Herr aus seinem Haus und fragte mich ob ich hier denn allein unterwegs wäre? Ich antwortete mit einem zögerlichen „Ja“. Noch jetzt, beim Schreiben wird mir ganz mulmig im Magen wenn ich daran zurückdenke. Er meinte dann nämlich, dass ich unwahrscheinliches Glück hätte, das mir noch nichts passiert wäre, vor allem mit der Kamera um den Hals.

Ich solle so schnell wie möglich raus aus dem Viertel und wieder runter ins Zentrum. Es wäre hier absolut nicht sicher. Nur wenige Meter weiter gibt es einen Fahrstuhl, der runter ins Zentrum fuhr und den soll ich unbedingt nehmen – direkt und ohne Umwege. Er brachte mich dann noch zur Ecke, zeigte mir den Weg und meinte dass er hier so lange warten würde, bis ich im Fahrstuhl wäre. Was er dann auch tat.  Aus dem Fahrstuhl heraus konnte ich ihn noch dort stehen sehen.

Danach hatte ich erstmal richtig Schiss – die Kamera wanderte sofort in den Rucksack und wieder war das ungute Gefühl zurück, welches hinter jedem Gesicht einen Gauner und Kriminellen vermutet. Dabei hatte ich das doch gerade erst erfolgreich hinter mir gelassen. Ich war super dankbar, dass ich so einer guten Seele begegnet bin – hatte wohl wieder mal mehr Glück als Verstand und einen guten Schutzengel! Danke dafür.

Tagesausflug von Valparaiso nach Viña del Mar

Heute war ich in Viña del Mar – ca. 6km hinter Valparaiso. Ein Ausflugsziel für die Städter, mit einer riesigen ShoppingMall und einem endlos langen Strand. Nachdem ich ein kleines Vermögen für warme Klamotten ausgegeben habe, verbrachte ich den restlichen Tag entspannt am Strand. Eine Traumkulisse nach der Anderen hat sich mir in den letzten Tagen geboten und ich freu mich auf mehr!

Die ersten Fotos aus Santiago und Valparaiso gibt es hier.

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